Interview mit Yves Serra

Zukunftsgerichtet, doch voller Respekt für die Geschichte

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Das Klostergut Paradies ist für GF eine einmalige Chance, Mitarbeitende wie Kunden die Identität des Unternehmens erleben zu lassen: Eisenbibliothek und Ausbildungszentrum seien untrennbar mit GF verbunden, bekräftigt CEO Yves Serra im Interview.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Besuch im Klostergut Paradies erinnern?

Ja, es war 1992, in meinem ersten Jahr bei GF, als ich an einer Konzernkonferenz teilnahm. Das ist jetzt also ziemlich genau 25 Jahre her. Es war damals neblig, und es lag viel Schnee auf der Strasse.

Worin liegt für Sie das Besondere dieses Ortes?

Das Klostergut ist eine Oase der Ruhe unweit von unseren Büros in Schaffhausen. Ausserhalb der Zentrale können wir uns viel besser konzentrieren, in Gruppen arbeiten und grössere Veranstaltungen durchführen.

Seit über 40 Jahren nutzt GF das Klostergut nicht nur als Standort für die Eisenbibliothek, sondern auch als Ausbildungszentrum. Wie wichtig war diese Entscheidung für das Unternehmen?

Früher hatte GF das Klostergut unter anderem als Wohnraum für Mitarbeitende genutzt. Die Einrichtung des Ausbildungszentrums war ein wichtiger Entscheid, weil es dem Unternehmen die Möglichkeit gibt, alle Führungskräfte und Mitarbeitenden an einem Ort zusammenzubringen, wo interne Aus- und Weiterbildung stattfinden kann. Das macht das Klostergut zu einer Drehscheibe für den gesamten Konzern.

Welche Kompetenzen vermitteln Sie den Mitarbeitenden, die hier im Klostergut zu Kursen zusammenkommen?

Wir bieten zwei Arten von Kursen an. Zum einen Aus- und Weiterbildungen, um fachliche Kompetenzen zu stärken, zum andern Weiterbildungen im Bereich der sogenannten «weichen Faktoren». Dabei geht es um Persönlichkeitsbildung und um Führungsfähigkeit. Beide sind sehr wichtig. Im Schnitt absolvieren die Mitarbeitenden von GF 2,6 Tage an Aus- und Weiterbildung im Jahr. Das meiste davon findet hier im Klostergut statt. Dies gilt unabhängig davon, an welchem Standort – Amerika, Asien, Europa oder Schaffhausen – die Leute arbeiten.

Trainingsprogramme wie zum Beispiel «The Seven Habits of Highly Effective People» oder «The Four Disciplines of Business Execution» wollen die Mitarbeitenden befähigen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Halten Sie Persönlichkeitsbildung für wichtiger als Fachkompetenz?

Nein – beide sind wichtig. Aber wir sind ein internationales Unternehmen, in welchem Mitarbeitende von überall auf der Welt gut zusammenarbeiten müssen. Um unsere Kunden rund um den Globus zufriedenzustellen, müssen wir die Fähigkeiten unserer Spezialisten weltweit zusammenbringen. Das bedingt, dass wir einen grenzüberschreitenden Teamgeist entwickeln. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Persönlichkeitsbildung sehr wichtig.

Eine weitere Methode, die Sie schulen, ist «Design Thinking». Wie nützt diese Methode dem Unternehmen GF, das als Industriepionier gross geworden ist?

Bei der Methode des «Design Thinking» stehen die Kunden im Mittelpunkt. Bevor wir etwas Neues entwickeln, müssen wir erstens abschätzen können, ob unsere Kunden diese Neuerungen akzeptieren wollen, und zweitens, ob wir dadurch ein Problem dieser Kunden lösen können. Damit dies gelingt, muss man viele Kunden besuchen. Das soll uns helfen, unsere Entwicklung oder unsere Visionen besser an den Erwartungen der Kunden auszurichten. Die «Design Thinking»-Methode versetzt uns in die Lage, rasch einen Prototyp zu fertigen, das Feedback der Kunden einzuholen, den Prototyp kurzfristig zu ändern und ihn erneut mit den Kunden zu diskutieren. Es geht also darum, in kurzer Zeit zu überprüfen, ob unsere Entwicklungen im Sinne unserer Kunden sind.

Gibt es Trainings, die Ihnen persönlich ganz besonders am Herzen liegen?

Alle Trainings sind wichtig. Wir fördern die Trainings für Fachkompetenz, weil man als Industrieunternehmen Fachkompetenzen haben muss. Etwas anders gelagert sind die beiden Trainings «Design Thinking» und «Value Selling». Verglichen mit unseren Wettbewerbern im Ausland können wir unsere Produkte und Dienstleistungen nicht immer zum tiefsten Preis anbieten. Dementsprechend bilden wir unsere Verkaufsmannschaft weiter – die muss letztlich in der Lage sein, den Kunden den Wert unserer Leistung richtig zu vermitteln.

Gab es jemals Überlegungen, das Klostergut aufzuheben und es für andere Zwecke zu nutzen?

Nein, ganz und gar nicht. Das Klostergut mit seiner einmaligen Lage am Ufer des Rheins ist für GF eine wichtige Ressource. Wir profitieren davon, und die Mitarbeitenden weltweit schätzen diesen Ort sehr.

Wo sehen Sie den Vorteil des Klosterguts gegenüber einem gewöhnlichen Firmencampus?

Dieser einmalige Campus im Klostergut ermöglicht es uns, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen und die Identität unseres Unternehmens klarer darzustellen. Das ist für die Mitarbeitenden wichtig, aber ebenso für die Kunden. Sie spüren, dass GF es geschafft hat, eine Kultur zu entwickeln, welche auf die Zukunft ausgerichtet ist, die aber auch die Vergangenheit respektiert.

Heute wird die ganze Welt digital. Braucht es überhaupt noch ein Zentrum, mit dem Sie so viele Geschäftsreisen generieren? Das könnten Sie doch auch digital vermitteln, mit Videokonferenzen und virtuellen Meetings.

Vieles kann so gelöst werden. Aber letzten Endes zählen die direkten Kontakte mit Kunden oder der Mitarbeitenden untereinander – vor allem weil wir so international sind. Kommt hinzu, dass die wichtigen Nuancen auf der Strecke bleiben, wenn die Kommunikation per Telefon oder mittels E-Mail erfolgt. Gerade heutzutage ist dieser direkte Kontakt wichtig, weil viele Leute praktisch nur noch mit Smartphones oder Computern arbeiten.

Wie viel wendet GF für den Unterhalt des Klosterguts auf?

Das Klostergut ist denkmalgeschützt. Deswegen wollen – und müssen – wir es pflegen. Dafür wenden wir jedes Jahr zwischen einer halben und einer Million Franken auf, manchmal mehr; etwa wenn wir das Dach sanieren wie vor drei Jahren.

Im Rahmen des Jubiläums wird eine öffentlich zugängliche Fotoausstellung organisiert. Gibt es da ein Bild, das es Ihnen besonders angetan hat?

Meine Lieblingsfotos sind diejenigen, welche die Vergangenheit zeigen, vor allem die Erfolge der Vergangenheit. Es geht um den Respekt für das, was die Leute vor uns erarbeitet haben. Durch ihre Arbeit und ihre Entwicklungen haben sie GF 216 Jahre lang weitergebracht. Diese Dualität ist meiner Meinung nach sehr wichtig für unser Unternehmen: dass wir zukunftsgerichtet sind, aber voller Respekt für unsere reiche Geschichte. Wenn wir dies durch unsere Jubiläumsfotoausstellung vermitteln können, bin ich zufrieden.

Nun gibt es im Klostergut neben dem Ausbildungszentrum auch die Stiftung Eisenbibliothek. Letztere wird Ende 2018 bereits 70 Jahre alt. Warum leistet sich GF heute, in Zeiten des Internets und des weltweit digital verfügbaren Wissens, noch so ein riesiges Archiv?

Das Archiv ist mittlerweile ebenfalls digitalisiert worden. Die Fachleute, die bei uns für die Bibliothek zuständig sind, sind es auch für dieses Archiv. GF entstand vor über 200 Jahren mit Schwerpunkt Eisen. Der Gründung der Eisenbibliothek lag damals die Idee zugrunde, dass wir das honorieren. Heute verarbeiten wir jedoch nicht mehr nur Eisen, sondern sind in vielen weiteren Bereichen tätig. Trotzdem ist Eisen wichtig für GF. Zudem haben wir Schritt für Schritt den Zweck der Eisenbibliothek angepasst, weil wir nicht mehr nur über Eisen allein reden können. Heute geht es auch um Kunststoffe, Aluminium, Magnesium und so weiter. Es scheint mir wichtig, diesen Wandel in einer sinnvollen Weise darzustellen, denn das motiviert unsere Mitarbeitenden. Unsere Kunden sind genauso begeistert, wenn sie sehen, was wir auf diesem Gebiet leisten. Deswegen steht die Eisenbibliothek normalerweise auf dem Programm, wenn uns Kunden besuchen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft dieser beiden Stiftungen und für diese historischen Besitztümer?

Dieser Ort wird meinem Gefühl nach für GF weiterhin eine tragende Rolle spielen. Deshalb wünsche ich mir, dass die Eisenbibliothek und das Klostergut Paradies weiterhin gepflegt werden und für GF insgesamt ein Schwerpunkt bleiben. Schliesslich sind beide untrennbar mit unserem Unternehmen verbunden.